Die drei schönsten Kleider

Die drei schönsten Kleider

 

Es war einmal eine Frau, die besaß einen wunderbaren Koffer. Wann und wo sie ihn erstanden hatte, das wusste sie nicht mehr, so alt war er schon, aber man sah ihm noch immer die gute Qualität und das feine Leder an. Der Koffer brachte sich in Erinnerung, als die Frau eines Tages in ihrer Wohnung putzte und lüftete und auch die Ecken aufräumte. Nun war sie im Schlafzimmer angekommen und zerrte verschiedene Gegenstände aus einem Spalt neben dem Kleiderschrank, da streiften ihre Hände ein Leder und erkannten die Formen eines Koffers. Noch im selben Moment begann es eigenartig zu schimmern. Die Frau stutzte. Sie nahm einen Lappen und wischte langsam den Staub vieler Jahre ab. Als sie fertig war, stellte sie den Koffer in die Mitte des Zimmers, als verlangte er diesen Platz. Er glänzte jetzt prächtig. Die Frau verließ den Raum, um ihre Arbeit wieder aufzunehmen, kam aber nach kurzer Zeit zurück, um den Koffer anzusehen. So ging das den ganzen Tag.

Mit diesem Koffer musste man verreisen. Die Frau suchte aber keinen Grund, um sich an irgendeinen Ort zu begeben. Also stellte sie ihn einfach im Hausflur neben der Garderobe ab und nahm sich vor, nicht an ihn zu denken. Sie wusste nicht, dass genau hier der Ort des Wartens war und ihre Reise bereits begonnen hatte. 
Der Flur war ein langer, lichtloser Gang, eine still pulsierende Ader, die sich zwischen den Zimmern hindurchschlängelte. An ihrem nördlichen Punkt befand sich die Tür nach draußen, an ihrem südlichen Punkt lag eine Art Abstellkammerı, die niemals geöffnet wurde. Die Frau wollte nicht wissen, was sich dort befand, es war viele Jahre her, als man sie aus irgendeinem Grund öffnen musste. Ein Raum voller Gerümpel, lebender Puppen, Tod.


Die Frau hatte ihre Gewohnheiten. Wenn es Nacht wurde, pflegte sie im Wohnzimmer neben dem Fenster zu sitzen. Manchmal saß sie nur in ihrem Sessel und tat gar nichts, manchmal las sie in einem Buch unter dem schmalen Lichtkegel, während die restlichen Räume im Dunkeln lagen. Sie kannte ja schon lange jeden Winkel, jeden Gegenstand, die Wege waren immer die gleichen. In letzter Zeit schien es aber, sobald draußen die Abenddämmerung hereinbrach, als würde es heller in ihrer Umgebung. Zunächst dachte die Frau, es sei eine Täuschung, doch dann entdeckte sie die wahre Ursache. Von dem Koffer im Flur ging ein Leuchten aus, und es wurde mit jedem Tag stärker. Irgendwann brauchte die Frau nicht mal die kleine Tischlampe, so viel Licht strahlte der Koffer aus und erreichte jedes Zimmer.

Die Frau betrachtete sich im Spiegel. Sie sah nichts. Sie war immer noch schön. Sie hatte fast schwarze, tiefliegende Augen, die nicht die leiseste Regung preisgaben, wenn sie nicht wollten. Ihre Nase war fein und gerade, ihre Lippen aber, ein schmaler Strich, sehnten sich nach mehr Fülle und Wärme. Sie waren immer ein wenig geschminkt. Seit sie ein junges Mädchen war, achtete sie auf ihr Äußeres. Sie puderte auch ihr Gesicht, zupfte die Brauen nach, zog einen Lidstrich. Die Kontraste waren hart in ihrem Gesicht, doch das kastanienbraune Haar, das sie sich bewahrt hatte, war weich. Fast so weich wie damals, als er es mit seinen Händen entdeckte. Der Mann wurde nicht müde, damit zu spielen oder es langsam und ehrfürchtig zu kämmen. Auf der weiten Reise, auf der sie ihm folgte und die unverhofft in einer schmutzigen Gasse mündete, in die sie sich zu begeben niemals getraut hätte und die sie wider alle Vernunft dennoch betrat. Ein rostfarben gestrichenes Tor, hinter dem ein schattiger Innenhof lag. Ein Haus, in dem jeder Tag so langsam verstrich wie ein ganzes Jahr, in dem die hohen Räume atmeten, voller Berührungen und Geräusche waren. Das Haus, in dem sie niemand fand, auch sich selbst nicht. 
Nachdem sie die Erinnerung im Spiegel erblickt hatte, nahm sie endlich den Koffer, dessen Helligkeit kaum noch zu ertragen war, legte ihn auf ihr Bett und klappte ihn auf. Nervös zog sie Nachthemden, Strümpfe, Unterröcke und zwei Schals aus den Schubladen der Kommode und legte alles in den Koffer. Doch der schien bodenlos zu sein, die Sachen verschwanden darin wie in einem schwarzen Schlund. In ihrem Schrank hingen viele Kleider, aber sie hatte drei, die die schönsten waren. Behutsam nahm sie diese drei und legte sie nun ebenfalls in den Koffer. Dazu wählte sie drei Paar passende Schuhe, die sie in Kartons aufbewahrt hatte. Sie waren noch wie neu. 
Aljoscha war sieben Jahre alt, Daniel erst vier auf jener Reise, in der dieser Koffer dabei war. Daniel bezauberte die Menschen, er war hübsch mit seinen nussbraunen, lustigen Augen, seinem charmanten Lächeln, er kam nach seinem Vater. Aber ihr Herz gehörte Aljoscha, dem grünäugigen schmalen Wesen, so ernst und verständig, immer an ihrer Seite und doch weit weg. Sein Leben dauerte kurz. Manchmal dachte die Frau, sie hätte ihn umgebracht mit ihrer Liebe und ihrer Sehnsucht, aber dessen sicher war sie sich nicht mehr. Sie fegte das kleine blasse Gesicht weg und wandte sich Daniel zu. Sie nannte ihn Prinz Danilo und erzählte ihm Geschichten aus ihrer Heimat. Er war anhänglicher und lebhafter als ihr Erstgeborener, und doch war das Mutterherz in ihr erloschen. Der Sohn spürte das. Als er noch sehr jung war, ging er weg, in ein anderes Land. Dort lernte er eine andere Sprache und andere Menschen kennen. Er wollte die Liebe kennenlernen, schrieb er ihr einmal.
Der Koffer war plötzlich voll. Sie konnte sich das nicht erklären. Aber jetzt wusste sie, dass sie die Reise antreten musste.

Ihre erste Station war eine Stadt, die nur noch wenig mit der gemein hatte, die sie kannte. Doch sie fand die Orte der Vergangenheit, als sie sich ohne Sehnsucht auf die Suche machte. Sie fand auch das Café neben dem Marktplatz. Es war ein grauer, trüber Tag und nur wenige Gäste saßen draußen an den Tischen. Sie setzte sich, bestellte ein Glas Wein und wartete. Hin und wieder strich sie mit der Hand über den weichen, dunkelblauen Kleiderstoff und zog den Schal enger um ihre Schultern, wobei sie mit jeder Bewegung etwas von ihrem Parfüm verströmte. 
In den Stunden, die sie an diesem Platz verbrachte, bekam sie Angst. Also verinnerlichte sie das Pulsieren der Umgebung, ohne daran teilzunehmen. Das Pulsieren gehörte nicht in ihre Zeit. Am Abend ging sie zum Hotel zurück. Vor ihrer Abreise suchte sie noch einmal das Café auf, bestellte Wein und trug das gleiche dunkelblaue Kleid. Diesmal war sie sich sicher, dass sie beobachtet wurde. Vielleicht war es ein Geruch, den sie wahrnahm. Ihre feinen Nasenflügel zogen sich zusammen und ihre Augen verloren für einen kurzen Moment an Ausdruckslosigkeit. Als sie aufstand, um zu gehen, nahm sie in ihrer Nähe eine Bewegung wahr.


Die zweite Station auf dieser Reise führte sie an einen warmen Küstenort, an dem die Zeit stehen geblieben zu sein schien. Auch das kleine Hotel neben der Brücke war noch da, doch sollte es nach dieser Saison endgültig geschlossen werden, teilte ihr der alte Portier mit. Sie ging auf ihr Zimmer, legte das blaue Kleid ab und machte sich etwas frisch. Im Koffer lag nun das luftige helle Kleid ganz oben. Vorsichtig nahm sie es heraus, zog es an und begab sich auf die Terrasse im hinteren Teil des Hotels. Während sie dort wartete, drang der unverwechselbare Geruch einer Nelkenzigarette zu ihr. Er begleitete sie von nun an, wo sie auch hinging, war der Geruch da. Schließlich nahm sie ihn eines Morgens deutlich wahr, als sie in ihr Zimmer zurückkam. Noch am gleichen Tag reiste sie ab.

Die Begegnung ereignete sich erst auf der dritten Reisestation. Die Hitze flirrte über den Straßen und sie flüchtete in ein kleines Café in einer schattigen Gasse. Sie trug das letzte Kleid, das sie in ihrem Koffer fand. Ihr Herz pochte wie nur ein einziges Mal in ihrem Leben und sie wusste, so lange sich der feine Stoff über dem Pochen bewegte, strahlte sie wie damals. Aber das Warten dauerte lang. Viele Stunden später saß die Frau noch immer ruhig und ohne ihre Position zu verändern auf dem alten, metallenen Stuhl, von dem die Farbe abzublättern begann. Die Limonade, an der sie hin und wieder nippte, war warm geworden. Einmal überkamen sie Zweifel, ein Gefühl, als wäre endgültig etwas geschehen, als wäre eine Entscheidung gefallen, die sie für immer ausschloss. Das machte sie traurig. 
Das Warten dauerte an. Es musste bereits später Nachmittag geworden sein, als sie es nicht mehr aushielt und aufstand. Sie bezahlte ihr Getränk und wollte schnell zur Tür hinaus, als der Mann ihr entgegentrat. Er trug trotz der Hitze einen dunklen Anzug, schon etwas aus der Mode gekommen, aber tadellos. Seine ergrauten Haare, die noch die schwarze Fülle von einst ahnen ließen, waren glatt zurückgekämmt. In der linken Hand hielt er eine mit Nelkenöl getränkte Zigarette. Sie sahen sich an. Diesmal hielt sie seinem Blick stand. Ihre Augen tauchten in seine grünen wie ein dunkles Tier in einen See, und sie schwammen darin, als befänden sie sich in ihrem Element, als müsste es so sein, als könnte es so sein. 
„Komm mit mir“, sagte er leise, „bitte!“
Sie suchte die Verzweiflung in sich und fand Stolz. 
„Nein“, antwortete sie und ging an ihm vorbei ins Freie.

Sie trug eines ihrer drei schönsten Kleider und hätte etwas finden können auf dieser Reise. Es wäre ein Geschenk gewesen, aber sie nahm es nicht an. Sie flog zurück in ihre kalte Stadt in einem weit entfernten Land im Osten. Als sie den düsteren Flur betrat, stellte sie den Koffer neben der Garderobe ab. Er sah jetzt aus wie lange Zeit vor der Reise – ein alter, verstaubter Koffer aus gutem Leder.
Die Morgendämmerung suchte sich ihre Wege durch die Wohnung, aber die Frau bemerkte das nicht. Sie zog vorsichtig ihre Schuhe aus, legte sich auf die Couch im Wohnzimmer, strich ihr Kleid glatt und schlief ein. Gegen Mittag starb sie, ohne noch einmal aufzuwachen.
Als Prinz Danilo am anderen Ende der Welt vom Tod seiner Mutter erfuhr, weinte er, weil er den einzigen Zeugen seiner Kindheit verloren hatte.

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