Kurzgeschichte

Unser Horst

Den Horst kenn ich von unsre Imbissbude. Du weißt doch, wo wir inne Pause immer Brötchen holen. Manchmal trinken wir auch Kaffee da und essen ´n paar Frikadellen, wennse frisch gemacht sind. Iss ja billig, kann man sich gerade noch leisten bei ein Euro fuffzich die Stunde. Aber wem erzähl ich das?, weiße ja selber. Also den Horst, den kenn ich schon, da habbich noch bei Lampen Kruse gearbeitet, so richtig angestellt mit Vertrach und Urlaub, wie das ja früher so waa. Also kannsse dir ausrechnen, wie lange ich den kenn, bestimmt schon sechs, sieben Jahre. Aber du glaubstet nich, was eim so passieren kann mit alte Bekannte.

Ich mein, der Horst, der war ja für mich gar kein richtiger Mann, also ich mein das jetz nich böse, aber der iss son bisschen behindert, weiße, der hinkt mit eim Bein nach und bewegt sich ebent so komisch. Und reden tut er auch so, also so wie er hinkt, redet der auch, wenne verstehß, was ich meine. Aber son ganz lieber iss das, immer freundlich. Der hilft der Kathrin da´n paar Stunden im Imbiss, Aschenbecher ausleeren, Zeitungen holen, und so Schreibkram kanner wohl auch. Unser Horst, sachtse immer, auf unsern Horst iss Verlass. Jeden Tach kommter da angehumpelt, bei Wind und Wetter. Ich mein, iss ja klar, dass der nie ne Arbeitsstelle kriegt, und da machter wohl hier und da ma was, was er so machen kann.


Also umet kurz zu machen, außer Guten Morgen und Tschüss hamwer nich viel geredet der Horst und ich, vielleicht ma übers Wetter oder über die Wehwehchen, die einer so hat. Iss auch manchmal anstrengend, dem zuzuhören, das dauert immer so lange, bis der nen Satz zu Ende gesprochen hat, und dann steht man da, kuckt auffe Uhr und denkt: Mensch Hoasti, jetz sprich den Satz aus, sonst kürzense mir die Stütze, wennich wegen dir nich pünklich vonne Pause zurückkomm. Dabei iss das son ganz Intelligenten, du. Wenne dem ma richtich zuhörst, da staunsse, wat der alle weiß.

Ja, und gezz stell dir vor, vorm halben Jahr hatte ich doch das Theater mit dem Vermieter von meine Wohnung, dem Grollmann. Jau, jetz wodes sachß, der Name passt zu dem, son richtigen Grollmann iss das. Also erst hatte ich ja Theater mit Kalle, weiße ja noch. Haut mit der Tussi ab, mit ihre schwarz gefärbte Mähne, und ich sitz da mit der Hälfte vonne Möbel und die doppelte Miete. Also, ich daaf gaanich dran denken, da bin ich schon wieder auf Hundertachtzich, du. Gezz war ich alleine und arbeitslos. Wennet dick kommt, dann richtich, iss ja klar. Warum das im Leben so iss, das verrat mir ma einer. Dass ich schon nach zwei Monate die Miete nich zusammenkrich, kannsse dir leicht ausrechnen. Das zog sich abber auch hin mit dem Geld, nur, weil ich eima son Wisch vergessen hab und den nachreichen musste. Der Antrag lief und lief und nix auffem Konto, und der Heinze vonne Spaakasse, der Blödmann, mit dem konntich aunich reden, dat sind ja alles so richtige Eisbrocken, kennsse ja selber.


Und was meinsse? Kurz nache erste Mahnung von dem Grollmann, da treff ich den inne Imbissbude. Jaa, der! Parkt sein dicken Wagen genau vorde Tür, kommt rein und bestellt sich ne Cola. Kathrin hat mir später erzählt, der hat ein Mietshaus inner gleichen Straße und wär schon öfters vorbeigekommen. Also ich hab den da noch nie gesehen. So einer mischt sich ja eigentlich nich unters Volk. Kurz und gut, ich denk: Lore, gezz stell dich nich an, spring ma über dein Schatten, das iss deine Chance. Also sprech ich den an. „Guten Tach, Herr Grollmann“, sach ich, „schön, dass ich Sie grad hier treffe...“


Also ich weiß ja, dass ich keine Schönheit bin, ne, und die blauen Strampelanzüge vonne Stadt, die wir beim Arbeiten anziehen müssen, sind aunich grade dat kleine Schwatte, abba so wie der mich angeglotzt hat, so seh ich nich aus, dat weißich abber. So von oben, weiße?, so richtig fies, mit runtergezogene Mundwinkel, das vergess ich mein Lebtach nich. Dann trag ich also mein Anliegen vor, stotter mir ein zurecht, von wegen, ob er wohl noch ein Monat warten könnte, von wegen mein Geld, was ja wohl jetz ganz sicher kommt und so, dass ich die rückständige Miete dann nachzahlen will. Tja, und was macht der? Schüttelt einfach den Kopp und sacht: „Frau Fricke, wenn ich auf jeden, der um Aufschub bittet, eingehen würde, dann könnte ich die Wohnungen gleich verschenken. Ich hab auch meine Kosten, die müssen bezahlt werden.“ Jau, denk ich, dass du Kosten hast, das kann ich mir vorstellen, da brauch ich mir nur deine Klamotten ankucken und die Karre da draußen. Dann sacht er noch: „Tut mir leid für Sie, aber die Kündigung liegt schon auf meinem Schreibtisch.“ Dann isser gegangen. Du, ich stand da mitten im Laden und hab nur noch geschluckt und am ganzen Leib gezittert. Dann habbich – mach ich ja sonst nie – der Kathrin gesacht, sie soll mir ´n Schnaps geben.

Und gezz pass auf. Der Horst war ja auch da und hat das natürlich mitgekricht. Mich hat noch gewundert, dass der Grollmann den so freundlich gegrüßt hat, ausgerechnet unsern Horst. Später habbich erfahren, dass der manchmal für den so kleinere Arbeiten macht, ich glaub, sogar Buchhaltung oder was auffem Computer schreiben. Ich weißet nich genau, tut ja auch nix zur Sache. Jedenfalls stand der da die ganze Zeit und hat so traurig gekuckt und war ganz still. Ich denk noch, wat hat der denn gezz? Der fliegt doch nich aus seine Wohnung raus, so ein könnse ja nich raussetzten. Denk ich noch so, ne?, war ja gemein, abber ich hatte sonne Wut im Bauch, weiße?

Ungefähr eine Woche später, wo ich vonne Arbeit komm, liegt ´n Brief im Briefkasten. Ich denk, so, dat war´es jetz, hasse ja drauf gewartet. War auch vom Grollmann. Hömma, da steht doch tatsächlich drin, dass von einer Kündigung abgesehen wird, weil Herr Horst Koslowski – du hörst richtig –, weil Herr Horst Koslowski die letzte ausstehende Mietzahlung übernommen hätte. Ich hab das bestimmt fünf Ma gelesen, und konnte das immer noch nich glauben. Ich gleich wieder runter und ab nache Imbissbude. Iss ja nich so weit von mir, zehn Minuten zu Fuß, viel länger lauf ich da nich. So, der Horst iss gerade raus und schon anner Ecke, ich den abgefangen. Ich halt dem das Schreiben unterde Nase und sach: „Hoast, Mensch, wat hasse dir denn dabei gedacht?“ Da grinst der nur, du, grinst mich an und druckst da so rum, er hätte wat gespaat und er wollte mir nur außer Not helfen. Ja, und er kennt den Grollmann ganz gut und hat mit dem geredet. Und unser Horst, so wie ich das rausgehört hab, hat bei dem wohl n´ Stein im Brett, frach mich nich, warum. Ja, was sollte ich sagen?, ich war platt. Ich war einfach platt!

Wo ich dann endlich zu mir kam, sach ich: „Komma mit zu mir, ich mach uns erßma ´n Kaffee, Kuchen habbich auch noch, und dann unterhalten wir uns ma. Da meinter, er muss noch schnell was erledigen, er weiß ja, wo ich wohne. Ich also schomma na Hause, Kaffeemaschine angeschmissen, schön Tisch gedeckt und alles, da schellt er. Bis der Horst im dritten Stock war, das hat natürlich gedauert, abber der Kaffee bleibt ja waam inne Maschine. Und was glaubsse, wo der dann endlich anne Tür iss, völlig außer Atem, da hält der mir doch son Riesenstrauß Blumen entgegen. Ein Riesenstrauß, und auch noch mit lila Hyazinthen drin, die ich so mag! Du, ich war sprachlos, ich glaub, ich hab noch nimma Danke gesagt. Und ich nehm so den Strauß, ne, und da wird mir auf eima klar, dass mir noch nie einer Blumen geschenkt hat. Da habbich mich hingesetzt und hab angefangen zu heulen. Ich hab geheult wie´n Schlosshund. Dem Horst war das nachher schon peinlich, aber ich konnt einfach nich aufhören. Und weiße, irgendwie war das, als ob da endlich ma alles rauskommt.

Na ja, dann hamwer Kaffee getrunken, der Horst und ich. Ach nee, wat iss dat für´n feiner Kerl! Wer hätte das gedacht, dass so jemand wie ich auma Glück im Leben hat. Und wem habbich das zu verdanken? Unserm Horst vonne Imbissbude, der eigentlich selber nix hat. So was, da könn sich andre Kerle ne Scheibe abschneiden.
Das Geld habbich ihm ja dann in drei Raten zurückbezahlt. Aber weiße, der Horst, ne, unser Horst, das iss jetz mein Held, echt. Und jetz sachma ehrlich: iss dat nich schön?



© copyright by Daniela Gerlach, Dortmund 2013


andere Projekte

Kein Krimi kein Dinner war ein Gemeinschaftsprogramm von Regine Leonore Birkner, Thorsten Trelenberg, Jochen Ruscheweyh und mir. Im Herbst 2014 fanden wir uns für eine Textpräsentation anderer Art zusammen und definierten es als: Literatur-Improvisation ohne Tod und kein Essen dabei. Eine absurde, spielerische Mischung aus Rezitation, Gesang, Lesung, Rhythmus. Regine Birkner schaffte durch ihre Ton- und Gesangimprovisationen Raum für die Gedichte von Thorsten Trelenberg, meine Romanpassagen aus Revierkönige und die bewegende Kurzgeschichte von Jochen Ruscheweyh. Gelesenes wurde unterbrochen, Silben, Worte, Sätze wurden gesungen, geflüstert, gerapt oder rufend wiederholt. Als „Greta Mulhouse“ brachte Regine das Programm singend zum Abschluss. Unsere Mini-Tournee begann und endete im Dortmunder Norden (Sissikingkong und Rekorder), dazwischen lag das Café Aufbruch in Hörde, der Salon Himmelreich in Schwerte, das Café Startklar in Düsseldorf, Maschinchen Buntes in Witten. Wir traten vor wenig, sehr wenig und viel Publikum auf, vor allem aber hat es uns großen Spaß gemacht. 
Auf unserer Tour begleitete uns die Fotografin Jeanette Mielke.

Rezensionen

 

Was das Meer nicht will:

„Nicht nur inhaltlich, auch sprachlich ist das Buch exzellent: präzise und anschaulich-bildhaft“

„Wie mit einem Seziermesser zerlegt die Ich-Erzählerin in ihren präzisen Beobachtungen das komplizierte und störanfällige Beziehungskonstrukt zwischen ihr selbst, ihrem Mann und ihrer Mutter.“

„Ein sehr tiefgründiger Beziehungsroman“

„Unbedingt lesen.
hier bestellen

 

Revierkönige:

„In dem Roman beweist die Autorin, dass sie über die Gabe verfügt, hinter die Fassaden der Menschen zu blicken. Was sie dort erkennt, setzt sie wortgewandt um.“

„Die sprachliche Bandbreite in den erzählerischen Passagen ist mal bunt und facettenreich, mal witzig und tiefgründig, mal ein wenig derb (dort, wo es angebracht ist), mal philosophisch.“

„Eine Zeitreise zurück in die 80er.“
hier bestellen

 

Miteinander, Auseinander:

„Ich hätte nie gedacht, dass sich ein Buch über Partnerschaft so spannend liest wie ein Krimi.“
hier bestellen